Inklusion im Kanusport:
Sicherheit, die verbindet
Andere reden über Inklusion.
Wir leben sie.
von Frauke Weller
Was bedeutet Inklusion?
Inklusion heißt: Alle gehören dazu – unabhängig von Behinderung, Herkunft, Geschlecht oder anderen Merkmalen. Oft wird der Begriff vor allem im Zusammenhang mit Behinderungen verwendet. (Quelle: Aktion Mensch)
Inklusion im Kanusport:
Einfach machen.
Sicherheit spürt man. Handlungssicherheit schafft sie.
Die richtigen Menschen, ein passender Rahmen und Erfahrung geben Sicherheit. Doch seit der Flut im Ahrtal wissen wir auch, wie es sich anfühlt, Sicherheit zu verlieren.
Unser Projekt „Wassahr positiv erfahren“ verfolgt von Anfang an einen ganzheitlichen Ansatz: Wir schaffen geschützte Räume – auf und neben dem Wasser. Hier können Menschen sich ausprobieren und wachsen.
Seit Jahren unterstützen uns engagierte ehrenamtliche Kanutinnen und Kanuten, darunter Fachkräfte wie Sozialarbeiter, Erzieher und Psychologen. Sie sorgen gemeinsam mit motivierten Helfern für Sicherheit. Ein zentraler Baustein unserer Arbeit ist das Buddy-System, das Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung stärkt.
Unser Verein „Bewusst Inklusiv“ ist seit 2020 aktiv, das Projekt „Wassahr“ startete Anfang 2021. Zunächst richteten wir uns an Kinder und Jugendliche, heute an alle. Wir entwickeln uns stetig weiter – gemeinsam, auch über die eigene Komfortzone hinaus.
Wenn es keine Wege gibt, schaffen wir sie – zusammen.
Individuelle Lösungen statt vorgefertigter Wege
Da jede Behinderung individuell ist, sollten Sportler ihre Hilfsmittel selbst mitbestimmen, um maximale Selbstständigkeit sowie eine einfache, flexible und sichere Handhabung im Outdoor-Bereich zu gewährleisten. Vorgefertigte Standardlösungen sind häufig zu schwer, wartungsintensiv oder passen schlichtweg nicht präzise genug, um den persönlichen Anforderungen und der gewünschten Unabhängigkeit gerecht zu werden.
Wir nutzen bestehende Adaptionen, setzen aber vor allem auf einfache, flexible und individuelle Ansätze. Wir sind unterschiedlich, neugierig und abenteuerlustig – und fühlen uns dort am wohlsten, wo es keine vorgezeichneten Pfade gibt.
Wie kam das Thema Sicherheit in den inklusiven Kanusport?
Sicherheit begleitet uns von Anfang an. Doch ein Sicherheitssymposium gab den entscheidenden Impuls. Begegnungen bringen Chancen und Herausforderungen – oft größere, als man erwartet.
Diskussionen über das Springen vom 10-Meter-Brett, den Sitz von Schwimmwesten, das Öffnen von Wurfsäcken bei Rheuma oder die Haptik von Seilen führten zu diesem Artikel. Sie brachten uns zum Nachdenken und forderten uns heraus.
Diese Erfahrungen haben uns aus der Komfortzone geholt – bis zu einem Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt.
Was braucht Inklusion?
Menschen. Ohne sie gibt es keine Inklusion.
Im inklusiven Kanusport geht es darum, Sicherheit, Unterstützung und einfache Umsetzbarkeit in Einklang zu bringen. Kreative Ideen und passende Ansätze sind gefragt.
„Paddeln für alle – einfach machen“ ist unser Motto im Wassersportverein Sinzig. Seit Jahren engagieren wir uns ehrenamtlich für inklusiven Paddelsport. Dieses Jahr organisieren wir bereits zum dritten Mal die Ausbildung von Instruktoren.
Das Besondere: Viele unserer Trainer und Betreuer sind selbst chronisch krank oder behindert.
Unser Leitspruch: Andere machen Inklusion. Wir leben sie. Wir wollen lange paddeln – und diese Möglichkeit allen zugänglich machen. Selbstbestimmt, flexibel, individuell. Was uns verbindet, ist die Leidenschaft für diesen wunderbaren Sport.
Das 2. Sicherheitssymposium
des DKV
(Oktober 2025)
Das von Dr. Stefan Bühler und Ingrid Spahn organisierte Sicherheitssymposium war eine rundum gelungene Veranstaltung. Wer sich mit Sicherheit beschäftigt, sollte beim nächsten Mal dabei sein.
Ich durfte über Sicherheit im inklusiven Kanusport referieren. Der Austausch zeigte mir, wie viel Wissen und Können die anderen Referenten und Sportler mitbrachten.
Diskussionen und Vorträge wechselten sich ab. Themen wie „Heelhook – Einstieg“, Sicherheit im Wildwasser, Seekajak oder Kanadier standen im Fokus. Spontan ergab sich eine Diskussion über Material und Sicherheit – ohne zu wissen, welchen fachlichen Hintergrund mein Gesprächspartner hatte.
In der inklusiven Praxis stoßen wir oft auf andere Grenzen: unsere Körper, Krankheiten oder Behinderungen. Doch selten akzeptieren wir sie. Das Symposium machte eines klar: Es gibt noch viel zu entdecken und zu erarbeiten.
Grenzen erkennen, sie neu betrachten, lernen, anderen Sicherheit vermitteln – das bewegt uns. Ideen, Wissen und Möglichkeiten zusammenzubringen, ist entscheidend.
Praktische Formate für mehr Sicherheit
Aus diesen Überlegungen entstand eine engagierte Arbeitsgruppe. Gemeinsam entwickelten wir den „Sicherheitskurs Inklusive“ und den „Kanuspezifischen Rettungsschwimmkurs“, basierend auf einer Idee von Thorsten Funk.
Im März setzten wir das Konzept um: 24 Teilnehmende trafen sich beim Wassersportverein Sinzig. Ralf Schneider, Lukas Schmidt und das Ausbildungsteam führten die Veranstaltung durch.
Das Ziel: Allen Menschen die Teilnahme ermöglichen – unabhängig von ihren Voraussetzungen. „Sicherheit inklusive“ heißt, Sicherheit erlebbar und verständlich zu machen. Handlungskompetenz und Sicherheit sollen aktiv erfahren werden.
Inklusiver Sicherheitskurs
Der Kurs folgte den Vorgaben des Deutschen Kanu-Verbandes. Ein Teil fand im Schwimmbad statt, ein anderer auf dem Rhein. Theorie und Praxis wurden so kombiniert, dass sie leicht verständlich und greifbar waren. Vor- und Nachbesprechungen sowie Reflexionen rundeten das Konzept ab.
Einfache Sprache und unterstützende Kommunikation erleichterten den Zugang. Materialien, die sich im Training bewährt haben, kamen zum Einsatz. Ziel war es, Sicherheit mit Spaß zu verbinden – besonders für die von der Flut betroffenen Teilnehmenden.
Jeder konnte die Grundlagen individuell erweitern und praktisch anwenden. Ein Laufzettel dokumentierte die Stationen und zeigte weiteren Schulungsbedarf auf.
Dank ihrer Erfahrung reagierten Ralf Schneider, Lukas Schmidt und das Team flexibel auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden. Sie vermittelten die Inhalte individuell abgestimmt.
Das Team des Wassersportvereins besteht aus Fachkräften wie Pädagogen, Sozialarbeitern und Pflegekräften. Ihre Qualifikationen, gepaart mit eigenen Behinderungen oder Erkrankungen, machen sie besonders wertvoll.
Die Hälfte der Teilnehmenden war chronisch krank oder behindert – mit unterschiedlichen Anforderungen: von nonverbalen Personen über Menschen mit kognitiven Einschränkungen bis zu Autoimmunerkrankungen. Das Team passte sich flexibel an, um allen eine optimale Lernerfahrung zu bieten.
Nach der Ausbildung reflektierten wir gemeinsam mit den Teilnehmenden und Ausbildern. So können wir das Konzept weiterentwickeln. Künftige Schulungen sollen modular aufgebaut werden, und die Übungen fließen ins reguläre Training ein.
„Ich fühle mich jetzt viel sicherer“, sagte ein Teilnehmer des Special Olympics Teams. „Ich freue mich auf die Wettkämpfe. “
Habt ihr Fragen, Interesse am Konzept oder Rückmeldungen? Meldet euch – und bleibt neugierig!
Über Frauke Weller
Frauke Weller: „Paddeln für alle“ – aus Überzeugung und aus eigener Erfahrung. Als behinderte Paddlerin kennt sie die Herausforderungen, aber vor allem die Chancen echter Teilhabe im Kanusport.
Waren es die 20 Jahren Berufserfahrung als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin in der Kinder- und Jugend-, Familienhilfe mit Schwerpunkt Inklusion? Die Verbindung von Erlebnispädagogik mit praktischer Erfahrung auf dem Wasser? Wasser kann mehr…besonders wenn man das liebt, was man tut.
Eine besondere Entwicklung kam durch das inklusive Projekt „Wassahr positiv erfahren“. Seit fast fünf Jahren arbeitet das Projektteam sowie des WSV Sinzig, mit fachlich starken und hoch engagierten ehrenamtlichen Team: Menschen, die von der Flut oder ihren Folgen betroffen sind wieder Freude auf, am oder im Wasser zu ermöglichen. Gemeinsam schaffen sie sichere Räume, in denen Menschen Vertrauen gewinnen und über sich hinauswachsen können.
Für sie gilt: Inklusion braucht Sicherheit – und Sicherheit ermöglicht Teilhabe. Ihr Ziel ist es, zu zeigen, dass Kanusport für alle da ist.