Sicherheit verbindet –
Was Kajak-Cracks, Freizeitsportler und inklusive Gruppen
voneinander lernen können
19 Kinder und Jugendliche, mit und ohne Behinderungen, stehen am Wildwasserkanal in Hüningen. Einige sind aufgeregt, andere voller Vorfreude. Für manche ist es ein lang ersehntes Ziel, für andere ein Schritt, der vor Jahren noch undenkbar schien.
Erfahrene Wildwasserpaddler, Trainerinnen und Trainer sowie ein inklusives Team aus Ehrenamtlichen begleiten sie. Mit dabei: Ralf „Flash“ Schneider, Martin Frick und Corinna von den NaturFreunden Lörrach.
Auf den ersten Blick prallen hier zwei Welten aufeinander: Hier die „Kajak-Cracks“, die Strömungen lesen, Rettungstechniken beherrschen und Sicherheit trainieren. Dort Kinder und Jugendliche, die mit den Folgen der Flutkatastrophe im Ahrtal, chronischen Erkrankungen oder Behinderungen leben.
Doch je länger sie gemeinsam paddeln, desto mehr verschwimmen die Unterschiede. Denn die entscheidenden Fragen sind für alle gleich:
Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Wie schätze ich Risiken ein? Wo liegen meine Grenzen? Und wie erreiche ich meine Ziele sicher?
Vom Schwimmbad ins Wildwasser
Der Kurs ist Teil des inklusiven Projekts „Wassahr positiv erfahren“. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche, die direkt oder indirekt von der Flutkatastrophe 2021 betroffen sind. Über den Kanusport entstehen Räume für Teilhabe, Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und persönliche Entwicklung – zentrale Bausteine der Traumapädagogik und Resilienzforschung.
Die Teilnehmenden entscheiden selbst, welche Angebote sie nutzen und in welchem Tempo sie ihre Ziele verfolgen. Ehrenamtliche Fachkräfte, engagierte Kanutinnen und Kanuten sowie ein inklusives Team begleiten sie.
Der Weg beginnt oft im warmen Wasser der Römer-Thermen, führt über erste Paddelschläge auf ruhigem Wasser und endet – wenn gewünscht – im Wildwasser von Hüningen.
Für viele ist das mehr als ein Sportangebot. Es ist ein persönliches Ziel, für das sie monatelang trainieren, planen und sich vorbereiten.
Sicherheit beginnt vor dem Einstieg ins Boot
„Wir haben viel Erfahrung in der pädagogischen und emotionalen Begleitung. Gleichzeitig wollen wir unsere Kompetenzen im Wildwasser- und Sicherheitsbereich weiterentwickeln. Deshalb ist der Austausch mit erfahrenen Sicherheitsausbildern und Wildwasserpaddlern so wertvoll“, erklärt Projektleiterin Frauke Weller.
Rund um den Kurs entstand ein intensiver Austausch zwischen Wildwasserpaddlern, Sicherheitsexperten und dem inklusiven Projektteam. Fachleute wie Janina Kunze, Ralf „Flash“ Schneider, Dino Thieme, Daniel Eberhard und Marco Schlink unterstützten die Konzeptentwicklung. Ihnen gilt besonderer Dank.
Denn Sicherheit ist mehr als Helm, Schwimmweste und Wurfsack. Sie beginnt mit der Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen, die eigenen Grenzen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen.
Moderne Sicherheitskonzepte verstehen Sicherheit als Zusammenspiel vieler Faktoren
• Mensch
• Material
• Umwelt
• Gruppe
• Kommunikation
• Erfahrung
• Entscheidungsfähigkeit
Wer Sicherheit auf Ausrüstung reduziert, greift zu kurz. Die heutigen Standards des Deutschen Kanu-Verbandes, der Naturfreunde und anderer Organisationen basieren auf jahrzehntelanger Erfahrung, Unfallanalysen und dem Wissen vieler Generationen von Paddlerinnen und Paddlern.
Dieses Wissen, oft aus Extremsituationen gewonnen, hat längst den Breiten- und Freizeitsport bereichert – und kommt heute allen zugute.
Die überraschenden Gemeinsamkeiten
Wer schwieriges Wildwasser fährt, muss Risiken einschätzen:
– Wie hoch ist der Wasserstand?
– Welche Linie fahre ich?
– Was passiert bei einem Fehler?
– Reicht mein Können heute aus?
– Wann fahre ich – und wann steige ich aus?
Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen stellen sich ähnliche Fragen:
– Wie belastbar bin ich heute?
– Wie reagiert mein Körper?
– Wie viel Energie habe ich?
– Welche Unterstützung brauche ich?
– Wo liegen meine Grenzen?
Die Herausforderungen unterscheiden sich, der mentale Prozess dahinter ähnelt sich oft.
Die Kraft hinter dem Ziel
Wer sich auf schwieriges Wildwasser vorbereitet, trainiert monatelang Technik, Kraft, Sicherheit und mentale Stärke. Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen investieren oft dieselbe Energie – nur bleibt diese Leistung oft unsichtbar.Arzttermine, Therapien, Medikamentenanpassungen, körperliches Training und die tägliche Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen prägen ihren Alltag.
Das Ziel mag unterschiedlich sein, der Aufwand dahinter ist vergleichbar.
Vielleicht liegt hier die größte Gemeinsamkeit zwischen Extremkajaksport und inklusivem Sport: Beide erfordern Verantwortung, den Umgang mit Unsicherheit und die Bereitschaft, Schritt für Schritt an den eigenen Zielen zu arbeiten.
Mentale Stärke als Sicherheitsfaktor
Die Sportpsychologie zeigt, wie wichtig mentale Fähigkeiten für Leistung und Sicherheit sind. Konzentration, Selbstvertrauen, Entscheidungsfähigkeit unter Druck, Emotionsregulation und der Umgang mit Angst gelten als Schlüsselkompetenzen erfolgreicher Wildwasserpaddler.
Interessanterweise zeigen Studien zu chronischen Erkrankungen und Behinderungen ähnliche Ergebnisse. Regelmäßige sportliche Aktivität stärkt Selbstwirksamkeit, Resilienz, psychische Stabilität und soziale Teilhabe.
Wildwasserfahrer trainieren mentale Stärke für einzelne Schlüsselstellen. Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen trainieren sie täglich: Sie planen Belastungen, wägen Risiken ab, passen Ziele an, bewältigen Rückschläge und bleiben trotz Hindernissen handlungsfähig.
Diese Fähigkeiten sind nicht nur persönliche Ressourcen – sie sind Sicherheitskompetenzen.
Individualisierung – ein gemeinsames Prinzip
Im inklusiven Sport wird individuell angepasst: Boote werden modifiziert, Sitze angepasst, Ein- und Ausstiegshilfen entwickelt, Trainingswege verändert. Das Material passt sich dem Menschen an, nicht umgekehrt.
Im Extremkajaksport ist es ähnlich: Boote werden ausgeschäumt, Sitzpositionen optimiert, Sicherheitsausrüstung angepasst und Abläufe trainiert.
Beide Bereiche folgen demselben Prinzip: Menschen können ihre Leistung nur sicher abrufen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Wissenstransfer statt Schubladendenken
Die Wildwasser-Community bringt Erfahrung in Sicherheit, Risikomanagement und Entscheidungsfindung mit. Die inklusive Sportarbeit punktet mit individueller Anpassung, Kommunikation und Unterstützung.
Wenn beide Perspektiven zusammenkommen, entsteht Neues. Dann geht es nicht mehr um Leistungssport oder Breitensport, Behinderung oder Nichtbehinderung, Experten oder Anfänger. Es geht um Menschen, die gemeinsam lernen, sicher auf dem Wasser unterwegs zu sein.
Hier liegt auch Potenzial für die Trainerentwicklung. Moderne Trainerinnen und Trainer vermitteln nicht nur Technik. Sie begleiten Lernprozesse, schaffen Sicherheit, fördern Selbstständigkeit und helfen, Herausforderungen zu meistern.
Die Zukunft der Sicherheit ist inklusiv
Der Traumaforscher Stevan Hobfoll nennt fünf Faktoren, die Menschen helfen, belastende Situationen zu bewältigen: Sicherheit, Beruhigung, Selbstwirksamkeit, soziale Verbundenheit und Hoffnung. ¹
Diese Elemente finden sich im Kanusport wieder – unabhängig davon, ob jemand schwieriges Wildwasser fährt oder erstmals einen Wildwasserkurs besucht.
Vielleicht liegt die Zukunft des Kanusports nicht darin, neue Grenzen zu suchen, sondern Wissen zu bündeln: die Erfahrungen der Kajak-Cracks, die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen, die Kompetenzen von Trainerinnen und Trainern, die Erkenntnisse aus Sicherheitsarbeit, Pädagogik, Psychologie und Inklusion.
Das Projekt in Hüningen ist mehr als ein Wildwasserkurs. Es ist ein Lernraum – für Kinder, Jugendliche, Trainerinnen, Trainer, Wildwasserpaddler und die Sicherheitsarbeit.
Wie dieses Konzept weiterentwickelt wird und welche Erkenntnisse die Evaluation liefert, erfahren Sie in einem späteren Beitrag.
Denn Sicherheit entsteht nicht durch Abgrenzung. Sicherheit entsteht durch gemeinsames Lernen.
Wir sehen uns auf dem Wasser.
Quellen
¹ Hobfoll, S. E., Watson, P., Bell, C. C. et al. (2007): Five Essential Elements of Immediate and Mid-Term Mass Trauma Intervention: Empirical Evidence. Psychiatry, 70(4), 283–315.
² World Health Organization (WHO) (2022): Global Status Report on Physical Activity.
Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. New York: W.H. Freeman.
Weiß, W. (Hrsg.): Traumapädagogik – Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis.
Deutscher Kanu-Verband (DKV): Sicherheitsrichtlinien und Ausbildungsunterlagen.
DOSB: Kompetenzorientierte Trainer- und Übungsleiterausbildung.
International Paralympic Committee (IPC): Forschung zu Sport, Teilhabe und Inklusion.
Über Frauke Weller
Frauke Weller: „Paddeln für alle“ – aus Überzeugung und aus eigener Erfahrung. Als behinderte Paddlerin kennt sie die Herausforderungen, aber vor allem die Chancen echter Teilhabe im Kanusport.
Waren es die 20 Jahren Berufserfahrung als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin in der Kinder- und Jugend-, Familienhilfe mit Schwerpunkt Inklusion? Die Verbindung von Erlebnispädagogik mit praktischer Erfahrung auf dem Wasser? Wasser kann mehr…besonders wenn man das liebt, was man tut.
Eine besondere Entwicklung kam durch das inklusive Projekt „Wassahr positiv erfahren“. Seit fast fünf Jahren arbeitet das Projektteam sowie des WSV Sinzig, mit fachlich starken und hoch engagierten ehrenamtlichen Team: Menschen, die von der Flut oder ihren Folgen betroffen sind wieder Freude auf, am oder im Wasser zu ermöglichen. Gemeinsam schaffen sie sichere Räume, in denen Menschen Vertrauen gewinnen und über sich hinauswachsen können.
Für sie gilt: Inklusion braucht Sicherheit – und Sicherheit ermöglicht Teilhabe. Ihr Ziel ist es, zu zeigen, dass Kanusport für alle da ist.