Als Erster über die Ziellinie
Effizienz vs. Ästhetik im Kanu Rennsport

Zwischen Lehrbuch und Intuition:
warum Perfektion für jeden Athleten anders aussieht

Nadjib Mazar hat eine bemerkenswerte Reise hinter sich. Er startete in Algerien als Kanu-Slalom-Athlet und teilt heute sein Wissen als Nachwuchstrainer der Schweizer Nationalmannschaft. Im Gespräch erklärt er die Feinheiten des Paddelschlags und wie dessen Energie den gesamten Körper einbindet.

  • Wo sollte ein Paddler nach Perfektion streben?
  • Wie wichtig ist die Koordination im entscheidenden Bewegungsablauf?
  • Wie bleibt Raum, um den eigenen Stil zu entwickeln?
  • Und wen betrifft das alles überhaupt?

Einblicke in die Schweizer Kaderschmide mit Nachwuchstrainer Nadjib Mazar

Martin
Nadjib, du trainierst die Junioren der Schweizer Nationalmannschaft im Kanu-Slalom. Was ist dir dabei am wichtigsten? Worauf legst du zuerst deinen Fokus?

Nadjib
Für mich zählt vor allem, das Boot so effizient wie möglich vorwärtszubringen. Unsere Aufgabe als Slalomtrainer ist klar: schnell paddeln und als Erste die Ziellinie erreichen. Es geht nicht darum, besonders elegant auszusehen oder die perfekte Haltung zu wahren. Das ist meine Sichtweise – vielleicht können wir später noch tiefer darauf eingehen.

Die fünf Basics:
Haltung, Rotation, Hüfte, Catch & Kraftweg

Martin
Was macht eine effektive Technik aus?

Nadjib
Der Leitfaden des Schweizer Verbandes bringt die wichtigsten Punkte gut auf den Punkt. Besonders gelungen finde ich die Unterscheidung zwischen langen und kurzen Booten – auch wenn die Unterschiede minimal sind. Entscheidend ist, diese Grundlagen vor allem jungen Paddlern oder Anfängern zu vermitteln.

Im Fokus stehen dabei die richtige Haltung, Schulterrotation, Hüftstabilität und die effiziente Kraftübertragung vom Schlag über die Füße ins Boot. Es geht darum, einen kraftvollen Einstieg zu finden, mit dem Catch zu arbeiten, den Schlag vollständig auszuführen und dabei stabile Hüften sowie eine saubere Körperrotation zu bewahren. Diese Basics sind unverzichtbar.

Annäherung an das Optimum und der eigene Stil

Martin
Wenn man Physik, Hydrodynamik und Biomechanik betrachtet, scheint es nur eine optimale Technik zu geben. Doch jeder Mensch ist anders gebaut und hat unterschiedliche Talente. Wie gehst du mit dieser Herausforderung um?

Nadjib
Der Schlüssel liegt in unserer Anpassungsfähigkeit als Trainer. Wir müssen individuell auf die Bedürfnisse der Athleten eingehen – das ist leichter gesagt als getan.

Drei Hauptfaktoren beeinflussen unsere Arbeit: die Bedingungen, die Ausrüstung und die Morphologie des Paddlers. Wind, Wellen oder Strömungen erfordern Anpassungen der Technik, um effizient zu bleiben – egal ob auf flachem Wasser, Wildwasser oder dem Meer.

Martin
Kannst du bitte auf die einzelnen Faktoren eingehen?

Nadjib

[Ausrüstung]
Auch die Ausrüstung spielt eine Rolle. Blattdesign, Schaftwinkel und Konfiguration beeinflussen die Dynamik der Schläge und erfordern technische Anpassungen – je nachdem, ob man in einem langen oder kurzen Boot sitzt (Wildwasser, Kanu-Slalom, Boater-Cross vs. Regatta, Abfahrt, Seekajak usw).

[Kein Paddler gleicht dem anderen]
Die Morphologie der Athleten bestimmt ebenfalls, was möglich ist. Ein kleinerer Paddler kann nicht wie ein größerer paddeln. Titouan Castryck und Jirí Prskavec sind gute Beispiele: Beide sind herausragend, doch ihre Paddelstile unterscheiden sich stark – geprägt von ihren Körperformen und dem, was sich für sie natürlich anfühlt.

Als Trainer lehren wir die Grundlagen, passen sie aber an die jeweilige Person und die aktuellen Verhältnisse an.

Martin
Wenn wir ein paar Athleten anschauen, wo fallen dir da Unterschiede auf?

Nadjib

[Regeln brechen – und trotzdem gewinnen]
Evy Leibfarth zeigt, wie wichtig diese Anpassung ist. Ihr Stil widerspricht klassischen Vorstellungen von aufrechter Haltung und minimaler Bewegung. Anfangs wirkte ihr Ansatz vielleicht unorthodox, doch sie paddelt konstant auf Elite-Niveau und erreichte als Juniorin die Weltcup-Finals und gewann die olympische Bronze-Medaille. Ihr Erfolg zeigt: Effizienz schlägt Ästhetik.

European Junior Champion C1, 2025, Quelle: swisscanoe.ch

Zwei Nationen, zwei Trainingsphilosophien &
das Lernen neu denken

Diese Perspektive prägt auch die Trainingsansätze in verschiedenen Ländern. In Neuseeland, wo es weniger Paddler gibt, setzen Trainer auf individuelle Anpassung und kreative Lösungen. Sensorgestützte Paddel, die Daten zur Schlag-Effizienz, wie Kraftkurve, Schlagfrequenz und Winkel liefern, helfen dabei.

Ungarn hingegen, mit einer großen Athletenbasis, verfolgt ein standardisiertes System. Dort passen sich die Athleten dem Rahmen an, der als effizient gilt. Beide Ansätze funktionieren – sie spiegeln unterschiedliche Ressourcen und Realitäten wider.

Letztlich geht es darum, Struktur und Anpassungsfähigkeit auszubalancieren – abgestimmt auf die Gruppe und den einzelnen Athleten. Was denkst du dazu?

Martin
Das ist spannend. Wenn wir etwas Neues lernen, müssen wir alte Annahmen hinterfragen, Gewohnheiten aufbrechen und neue Ansätze ausprobieren. Das gelingt nur mit Motivation und Offenheit – indem wir auf den Körper hören und aus Erfahrungen lernen.

Der Unterschied zwischen dem neuseeländischen und ungarischen System ist faszinierend. Neuseeland fördert Individualität und Experimentieren, Ungarn setzt auf bewährte Grundlagen. Wie können diese Ansätze zusammenfinden?

Illustration: Martin Frick

Athleten aufbauen, neue Ideen fordern alte Gewohnheiten heraus &
Vertrauen als unterschätzter Erfolgsfaktor

Nadjib
Alles beginnt damit, wie wir die Grundlagen vermitteln. Bei Junioren investiere ich viel Zeit, um ihnen das Paddeln beizubringen – nicht nur, wie man einen Slalomkurs fährt.

Wir schaffen eine strukturierte Basis, lassen aber Raum für Wachstum. Anfänger brauchen Anleitung – sie können nicht einfach ein Paddel nehmen und loslegen. Wir lehren die physikalischen und technischen Grundlagen und geben ihnen später die Freiheit, zu experimentieren und ihren eigenen Stil zu entwickeln.

Ein Beispiel ist Zigalin, ein junges Talent, das den C1-Switch – das Paddeln auf wechselnden Seiten – neu interpretiert hat. Früher folgten alle einer ähnlichen Technik. Jetzt experimentieren andere mit seinem Ansatz. Manche adaptieren ihn erfolgreich, andere bleiben bei der traditionellen Methode. Keine ist besser – es kommt auf Komfort und Effektivität an.

Für mich steht Vertrauen zwischen Athlet und Trainer an erster Stelle. Wenn Athleten offen kommunizieren und neue Techniken ausprobieren, erzielen sie schneller Fortschritte. Testwerkzeuge, variierende Übungen und Experimente mit der Ausrüstung fördern Verbesserungen – ohne den Spaß am Sport zu verlieren.

Ein Blick in die Zukunft

Martin
wenn du für dich privat paddelst, was macht dir aktuell am meisten Freude?

Nadjib
Ich würde sagen, Paddeln im C1-Slalom in Bratislava. Es ist einer der aufregendsten Kurse.

Martin
Das war wirklich aufschlussreich. Anpassung und ansprechende Lernumgebungen sind entscheidend – ebenso wie Vertrauen und Offenheit. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und Freude!

Nadjib
Vielen Dank! Es ist immer bereichernd, Ideen auszutauschen. Lass uns in Kontakt bleiben – und viel Erfolg bei deinen Projekten!

Über Nadjib Mazar

Nadjib Mazar trat 2011 als erster und einziger algerischer Athlet bei den African Games in Maputo und 2013 bei Afrikanischen Kanu-Slalom-Meisterschaft an. Beide Wettbewerbe schloss er mit dem Titelgewinn ab. Damit sicherte er Algerien den ersten kontinentalen Titel in der Geschichte dieser Sportart.

Nadjib ist seit Januar 2023 als Nationaltrainer der Nachwuchstalente im Slalom für den Swiss Canoe Verband im Einsatz.

Er bringt umfassende internationale Erfahrung als Trainer und Berater im Kanu-Slalom mit und war bereits in Frankreich, Neuseeland, Algerien, Libanon, Marokko und Ägypten tätig. Darüber hinaus spricht er mehrere Sprachen und verfügt über ein vielseitiges sportliches Hintergrundwissen, das unter anderem aus den Kampfsportarten stammt.

Mit seiner Erfahrung und seiner offenen Art wird er die Förderung junger Talente im Schweizer Kanu-Slalom noch weiter vorantreiben. Dabei legt er besonderen Wert auf die Unterstützung und Entwicklung des Nachwuchses sowie auf die Zusammenarbeit über verschiedene Leistungsebenen hinweg.

(Quelle: africatopsports.com & swisscanoe.ch)