Ohrgesundheit beim Wildwasserfahren

Warum die Ohren beim Wildwasserpaddeln ein unterschätztes Thema sind

Beim Wildwasserfahren können die Ohren durch kaltes Wasser, das beim Rollen in den Gehörgang eindringt, schnell in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch der plötzliche Wasserdruck beim Rollen stellt eine Belastungsprobe fürs Trommelfell dar, insbesondere wenn der Druckausgleich, z.B. durch eine Erkältung beeinträchtigt ist.

Was auch häufig vorkommt, ist, dass Wasser im Gehörgang verbleibt. Nachdem wir den Helm abnehmen, ist das Ohr einem Luftzug ausgesetzt, der die Unterkühlung des Organs und somit Infektionen begünstigen kann. Außerdem kommt es vor, dass das Wasser selbst mit Keimen belastet ist und es dadurch zu einer Entzündung kommt.

Foto von Jan Suchánek auf Unsplash

Wie reagieren die Ohren beim Wildwasserpaddeln?

Beim Wildwasserpaddeln sind die Ohren stärker gefordert als beim Schwimmen im See oder Pool. Das liegt nicht nur am Wasser, sondern vor allem an Druckschwankungen, Wasserbewegungen im Gehörgang und Kälte, die die empfindlichen Strukturen im Ohr belasten.

Wasser im äußeren Gehörgang vermeiden.

Der äußere Gehörgang, der vom Ohrmuschel-Eingang bis zum Trommelfell reicht, leitet Schallwellen weiter und wird durch Ohrenschmalz, feine Härchen und Haut geschützt. Beim Wildwasserpaddeln dringt durch Spritzwasser und Untertauchen oft Wasser in diesen Kanal – je nach Strömung, Winkel und Kälte intensiver als beim Schwimmen.

Die Oberflächenspannung des Wassers kann dazu führen, dass es vor dem Trommelfell „hängen bleibt“. Fließt das Wasser nicht vollständig ab, bleibt ein unangenehmes Empfinden zurück – ein dumpfer Klang, Druckgefühl oder das Gefühl eines Fremdkörpers.

Das Trommelfell reagiert auf Druckunterschiede. 

Das Trommelfell ist eine dünne Membran, die den äußeren Gehörgang vom luftgefüllten Mittelohr trennt. Beim Paddeln kann durch Rollen oder abruptes Untertauchen ein schneller Druckwechsel entstehen. Der äußere Wasserdruck übt Druck auf das Trommelfell aus und verdrängt dabei die Luft im Mittelohr. Über die Ohrtrompete (Eustachische Röhre), die das Mittelohr mit dem Nasen-Rachenraum verbindet, muss der Druck ausgeglichen werden, damit das Trommelfell frei schwingen kann. Gelingt das nicht, wölbt sich das Trommelfell, was Spannungsgefühle, Hörminderung oder Schmerzen auslösen kann.

Taucht man tiefer, steigt der äußere Druck – etwa um 0,1 Bar pro Meter Wassertiefe. Ohne Druckausgleich wird das Trommelfell ins Mittelohr gedrückt, was zu Schmerzen führt. Dieser Effekt ähnelt dem beim Tieftauchen im Schwimmbecken.

Kälte und zusätzliche Belastungen 

Wildwasser ist oft deutlich kälter als das Wasser in Seen oder Pools. Kaltes Wasser verstärkt die Belastung der Ohren: Die Zellen im Gehörgang schwellen an, die Durchblutung und das Hautmilieu verändert sich, und äußere Reizungen nehmen zu. Das erhöht die Anfälligkeit für Schmerzen, Irritationen und chronische Veränderungen wie das „Surfer’s Ear“ – knochenartige Wucherungen im Gehörgang. Diese treten nicht nur unter extremen Bedingungen auf, sondern auch bei regelmäßigem Kontakt mit kaltem Wasser.

Einströmendes kaltes Wasser kann das benachbarte Gleichgewichtsorgan reizen und plötzlich auftretenden Schwindel bis hin zu Orientierungslosigkeit sowohl im als auch unter Wasser verursachen. In manchen Fällen hält der Schwindel sogar nach einer erfolgreich durchgeführten Rolle an und erschwert die Weiterfahrt für eine gewisse Zeit.

Daniel Klotzner in der Eingangsstufe beim King of the Alps (2025), Foto: Martin Frick

Anatomische Grundlagen
was beim Paddeln im Ohr geschieht

Das menschliche Ohr besteht aus mehreren empfindlichen Bereichen, die eng zusammenarbeiten: äußerer Gehörgang, Trommelfell, Mittelohr und Innenohr.

Der äußere Gehörgang, der beim Wildwasserpaddeln direkt mit Wasser, Kälte und Schmutz in Berührung kommt, leitet Schall zum Trommelfell. Ohrenschmalz, Härchen und Haut bieten einen natürlichen Schutz, doch häufiges Eintauchen in kaltes Wasser weicht die Haut auf und macht sie anfällig für Reizungen und Entzündungen.

Das Trommelfell, eine dünne, elastische Membran, trennt den äußeren Gehörgang vom Mittelohr. Es reagiert empfindlich auf Druckunterschiede, etwa beim Rollen, Untertauchen oder in Walzen. Kurzzeitige Druckbelastungen sind meist harmlos, können aber bei häufiger Wiederholung Schmerzen verursachen, wenn der Druckausgleich nicht gelingt.

Das Mittelohr, ein luftgefüllter Raum hinter dem Trommelfell, leitet Schwingungen weiter. Druckunterschiede zwischen Wasser und Luft belasten dieses System, vor allem bei einem gestörten Druckausgleich.

Das Innenohr, verantwortlich für Gleichgewicht und Hören, bleibt in der Regel von Druckschwankungen unberührt, kann aber empfindlich auf Kältereize reagieren.

Zusammengefasst
Beim Wildwasserpaddeln sind vor allem der äußere Gehörgang und das Trommelfell gefordert. Die natürlichen Schutzmechanismen des Ohrs stoßen bei kaltem, turbulentem Wasser oft an ihre Grenzen. Ohrenstöpsel oder andere Schutzmaßnahmen helfen, Überlastung und Langzeitschäden zu vermeiden.

Eigene Darstellung (KI-generiert, manuell überarbeitet)

Warnzeichen und Symptome

Werden die Ohren beim Wildwasserfahren in Mitleidenschaft gezogen, gibt es zwei Probleme:
1) Schmerzen
2) keine Schmerzen

Schmerzen
Das Problem mit Schmerzen ist, dass sie wehtun. Besonders unangenehm sind Schmerzen im Kopfbereich, da schon mittelschwere Beschwerden die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Dies liegt daran, dass sich am Kopf zahlreiche empfindliche Strukturen, wie Nerven, auf engem Raum befinden, und dieser Bereich ständig für essenzielle Funktionen wie Orientierung, Gleichgewicht, Hören, Sehen und Denken genutzt wird. Treten während einer ungeplanten Rolle starke Ohrenschmerzen auf, kann es unter Umständen sogar notwendig sein, einen Abbruch der Tour in Betracht zu ziehen.

Keine Schmerzen
Was auf den ersten Blick vielleicht zynisch klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Einige Veränderungen im Ohr bleiben zunächst unbemerkt, können jedoch langfristig ernsthafte Schäden verursachen. Das bekannteste Beispiel dafür ist das sogenannte „Surfer’s Ear“ – eine Verknöcherung und Verengung des Gehörgangs, die durch die langjährige und beinahe unbemerkte Stimulation des Stoffwechsels im Ohr durch kaltes Wasser entsteht. In den späteren Stadien lässt sich das Hörvermögen häufig nur durch eine aufwendige Operation wiederherstellen, bei der der Gehörgang erweitert wird.

Exostosen („Surfer’s Ear“): Entstehung und Verlauf

Eine der häufigsten Langzeitfolgen ist die Exostosenbildung im äußeren Gehörgang, bekannt als „Surfer’s Ear“. Dabei bilden sich knöcherne Wucherungen im Gehörgang, ausgelöst durch wiederholten Kontakt mit kaltem Wasser und Wind. Der Körper versucht, das Trommelfell zu schützen – doch paradoxerweise behindern die Verengungen den Wasserabfluss. Das Wasser bleibt länger im Ohr, was das Risiko für Entzündungen erhöht. Exostosen entwickeln sich schleichend, bleiben anfangs oft unbemerkt, können aber später zu Hörminderung, Druckgefühl und wiederkehrenden Infektionen führen. In schweren Fällen hilft nur eine Operation.

Folgen wiederholter Entzündungen

Gehörgangsentzündungen (Otitis externa) treten bei Wassersportlern häufig auf. Jede Entzündung reizt die Haut, macht sie empfindlicher und anfälliger für neue Infektionen. Mit der Zeit können chronische Entzündungen, Narben oder dauerhafte Hautveränderungen entstehen. Betroffene klagen oft über Juckreiz, Schmerzen, Nässen oder ein ständiges Fremdkörpergefühl im Ohr. 

 

Dauerhafte Hörveränderungen

Chronische Entzündungen, wiederholte Druckbelastungen und Veränderungen im Gehörgang können das Hörvermögen beeinträchtigen. Starke Hörverluste sind selten, doch leichte bis mittlere Einschränkungen, dumpfes Hören oder veränderte Klangwahrnehmung kommen vor. Auch tinnitusähnliche Symptome, ausgelöst durch ständige Reizungen, können die Lebensqualität erheblich mindern.

Vorbeugen ist entscheidend

Ohrenstöpsel und Neoprenhauben können beim Paddeln helfen, das Eindringen von Wasser zu reduzieren oder vollständig zu verhindern. Zudem senken gründliches Trocknen der Ohren nach dem Paddeln sowie regelmäßige HNO-Kontrollen das Risiko langfristiger Schäden erheblich.

Bleiben Exostosen unbehandelt und führen zu Beschwerden oder starken Verengungen, wird oft eine Operation nötig. Dabei entfernt der Chirurg die Wucherungen, erweitert den Gehörgang und verringert das Infektionsrisiko. Doch ohne konsequenten Schutz nach dem Eingriff können die Wucherungen zurückkehren. Deshalb bleibt Prävention das A und O.

Kurz gesagt
Wer vorbeugt, schützt seine Ohren, bewahrt sein Hörvermögen und vermeidet oft eine Operation – besonders wichtig für Vielpaddler und Wildwasser-Guides.

Beim Spielen in Walzen gehen wir ein erhöhtes Risiko für eine Rolle ein. Wenn man bereits weiß, dass man neue Dinge ausprobieren möchte, sind Ohrenstöpsel noch empfehlenswerter als auf Abschnitten, in denen wir uns sicher fühlen.

Fazit & Checkliste
Gesunde Ohren beim Wildwasserpaddeln

So schützen Sie Ihre Ohren langfristig – besonders bei regelmäßigem oder intensivem Paddeln:

  1. Kälte vermeiden:
    Bei kaltem Wasser zusätzlich Neoprenhauben oder Helme mit Ohrschutz tragen. Kälte ist ein Hauptauslöser für chronische Veränderungen im Gehörgang.
  2. Ohrenstöpsel tragen:
    Beim Wildwasserpaddeln – mindestens aber beim Rollentraining – immer geeignete Wassersport-Ohrenstöpsel nutzen. Sie halten Wasser fern, mindern Kälte- und Druckreize und senken das Risiko für Entzündungen und Exostosen.
  3. Wasser im Ohr loswerden:
    Nach dem Paddeln das überschüssige Wasser vorsichtig ablaufen lassen oder mit einem saugfähigen Tuch das Wasser aus der Ohrmuschel aufnehmen. Verzichten Sie auf aggressive Methoden wie die Verwendung von Wattestäbchen oder das „Auspulen“.
  4. Ohren trocken halten:
    Nach dem Paddeln die Ohren vorsichtig mit einem Handtuch oder in warmer Umgebung trocknen. Keine spitzen Gegenstände oder heißes Föhnen verwenden.
  5. Warnsignale ernst nehmen:
    Druckgefühl, Juckreiz, Schmerzen, Nässen oder Hörveränderungen nicht ignorieren. Frühzeitig ärztlich abklären lassen.
  6. Pausen einlegen:
    Bei Reizungen oder Entzündungen sollte das Paddeln sofort pausiert werden. Andernfalls erhöht sich das Risiko für chronische Schäden.
  7. Regelmäßig kontrollieren:
    – Vielpaddler und Guides sollten ihre Ohren regelmäßig von HNO-Ärzte untersuchen lassen – besonders bei häufiger Kälteeinwirkung oder bestehenden Problemen.
    – Ölanwendung im Gehörgang, Ohrentropfen (s.u.) oder Hausmittel wie Zwiebelsäckchen können helfen. Eine Wärmflasche kann ebenfalls wohltuend wirken. Zur Unterstützung empfiehlt es sich, abschwellende Nasentropfen mit der Pipette so anzuwenden, dass sie bis in den Rachen gelangen, um die Mündung der Ohrtrompete abzuschwellen, insbesondere bei Ventilationsstörungen.

Prävention
Ein Muss für Vielpaddler und Guides im Wildwasser

Für Menschen, die regelmäßig oder beruflich im Wildwasser unterwegs sind, ist Prävention unverzichtbar. Langzeitschäden entstehen nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch dauerhafte Belastung. Geeigneter Ohrschutz, der bewusste Umgang mit Kälte, gründliches Trocknen der Ohren und frühzeitige ärztliche Abklärung bei Beschwerden können irreversible Schäden verhindern.

Für alle Paddler gilt: Ohrgesundheit ist keine Nebensache, sondern eine Grundlage für Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Wohlbefinden auf dem Wasser.

Ohrentropfen zur Prophylaxe

Essigsäure-Ohrentropfen 0,7 % (NRF 16.2.) :
Essigsäure (30 %) DAC 2,4 g
Propylenglykol 97,6 g

Mischung nach Branse-Passek und Muth:
Eisessig 0,5 g
Gereinigtes Wasser 2,5 g
2-Propanol ad 50 g

Ehm’sche Lösung:
Eisessig 5,0 g
Gereinigtes Wasser 10,0 g
2-Propanol (95 %) 85,0 g

Heidelberger Ohrentropfen (Klingmann):
Glycerol 10,0 g
Ethanol (90 %) ad 30,0 g

Ohrentropfen sollten in Braunglasfläschchen mit Pipette abgegeben werden. Da sie natürlich konserviert sind, sind sie ungeöffnet sechs Monate haltbar, ansonsten innerhalb von vier Wochen aufzubrauchen.
Quelle: Pharmazeutische Zeitung

Häufige Mythen und Irrtümer

Rund um Ohren und Wassersport halten sich viele falsche Annahmen:

  • Wasser im Ohr ist harmlos.
    Falsch. Stehendes Wasser weicht die Haut im Gehörgang auf und fördert Entzündungen – besonders bei häufiger Belastung.
  • Ohrenstöpsel sind unnötig oder gefährlich.
    Moderne Ohrenstöpsel für den Wassersport verhindern das Eindringen von Wasser, ohne den Druckausgleich oder die Orientierung zu beeinträchtigen. Häufig kann das Hörvermögen durch die Verwendung eingeschränkt werden. Richtig eingesetzt, tragen sie jedoch deutlich zur Sicherheit bei.
  • Wattestäbchen reinigen das Ohr.
    Im Gegenteil: Sie schieben Ohrenschmalz tiefer, reizen die Haut und erhöhen das Risiko für Verletzungen und Infektionen.
  • Exostosen betreffen nur Surfer.
    Auch Wildwasserpaddler sind gefährdet. Entscheidend sind kaltes Wasser, Wind und Häufigkeit – nicht die Sportart.
  • Solange es nicht weh tut, ist alles in Ordnung.
    Viele Schäden entwickeln sich schleichend und schmerzfrei. Frühwarnzeichen werden oft übersehen.

Bitte dran denken:

  • Beim Wildwasserpaddeln leisten die Ohren Schwerstarbeit und sind stärker belastet als beim Schwimmen.
  • Ohrenstöpsel sind keine Spielerei, sondern ein wirksamer Schutz – besonders beim Rollen und in kaltem Wasser.
  • Langzeitschäden entstehen nicht durch einzelne Sessions, sondern durch wiederholte Belastung.
  • Vorbeugen ist einfacher als Behandeln – vor allem bei Exostosen oder chronischen Entzündungen.
  • Vielpaddler und Guides tragen besondere Verantwortung für ihre Ohrgesundheit.
  • Wer seine Ohren schützt, paddelt länger, sicherer und mit mehr Freude.

Quellen

• Pharmazeutische Zeitung, Beratungstipps für Wassersportler
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-352010/beratungstipps-fuer-wassersportler/
• Florian Wegener, Manfred Wegner & Nora M. Weiss, External auditory exostoses in wind-dependent water sports participants: German wind- and kitesurfers
https://link.springer.com/article/10.1007/s00405-021-06939-7
• A. Cooper et al, External auditory canal exostoses in white water kayakers
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18603582/
• Ryan D. Moore et al, Exostoses of the external auditory canal in white-water kayakers
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20066729/
• A. Wille et al, Prevention of external auditory canal exostosis in the Colorado whitewater community
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35355493/
• D. Kroon, Surfer’s ear: External auditory exostoses are more prevalent in cold water surfers
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0194599802000062
• Mao-Che Wang et al, Ear problems in swimmers
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16138712/

Autoren: Martin Frick, Dr. med. Anita Klement, unter Mitarbeit von Christof Langer